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Wie viele Coworking Spaces gibt es in Deutschland?

Ob das Zählen von Dingen in unserer Gesellschaft eine Zwangsstörung oder nur eine Angewohnheit ist, können wir erst feststellen, wenn wir es sein lassen. Empfinden wir dann einen Leidensdruck, handelt es sich um eine Zwangsstörung. Wenn nicht, dann zählen wir scheinbar einfach nur gerne Dinge, wie zum Beispiel Coworking Spaces in Deutschland.

Laut einer nicht veröffentlichten Markterhebung des Bundesverbandes Coworking Spaces Deutschland e.V. (BVCS) aus dem Mai 2020, zu der es aber eine Pressemitteilung gibt, existieren momentan 1.268 Coworking Spaces und -flächen in Deutschland. Dies wäre angeblich eine Vervierfachung von Coworking Spaces innerhalb der letzten 24 Monate.

Es gibt nur zwei große Probleme mit diesen Aussagen: 1. Wir wissen nicht, wie sie zustande gekommen sind, denn es gibt keinerlei Angaben zur Methodik oder den Daten dieser Markterhebung. 2. Der Absender ist gar keine eigenständige Interessenvertretung der hiesigen Coworking Spaces, sondern nur ein getarnter Vertriebskanal der Cowork AG.

Die fehlende Methodik

Eine Studie besitzt stets einen Methodikteil, der bestimmte Gütekriterien gewährleisten soll. In diesem wird erklärt, welche Methode man angewendet hat, um die untersuchte Fragestellung zu beantworten. Dabei wird auch angegeben, wie Daten erhoben wurden sind, welche Eigenschaften die Daten haben, wie sie ermittelt und wie sie analysiert wurden.

Dadurch erreicht eine quantitative Untersuchung, wie das Zählen von Coworking Spaces, drei Gütekriterien: Validität, Reliabilität und Objektivität. Validität bedeutet, dass die Messung valide ist, also das gemessen wurde, was gemessen werden sollte. Überprüfbare Ergebnisse sind reliabel, sowie objektiv, also frei von ungewollten Einflüssen durch Dritte.

Zur Validität der Markterhebung durch den BVCS gibt es keine Aussagen. Wichtig wäre zu wissen, wie sie ein Coworking Space definieren, also was sie gezählt haben und was nicht. Da die Methodik nicht bekannt und die Daten nicht vorliegen, können diese nicht überprüft werden. Und an der Objektivität bestehen beim jüngst in Erscheinuung getretenen BVCS starke Zweifel.

Der falsche Verband

Es ist unklar, wann genau der Bundesverband Coworking Spaces Deutschland e.V. gegründet wurde. Dessen Domain existiert bereits seit dem 10. November 2018. Beim Handelsregister gab es Ende Mai 2020 noch keinen Eintrag zu diesem Verbandsnamen (Update: Inzwischen gibt es einen Eintrag, Amtsgericht Augsburg VR 202418). Auf der Webseite des BVCS gibt es keine Angaben zur Geschichte des Verbands, geschweige denn eine Satzung.

Der Verband trat das erste Mal am 18. Mai 2020 in einer Nachricht von Tobias Kollewe im Slack-Workspace der German Coworking Federation e.V. (GCF) in Erscheinung. Die GCF ist der 2015 gegründete Verband der deutschen Coworking-Szene. Kollewe, bis dahin Mitglied im GCF-Vorstand, gab bekannt, dass er die GCF verlassen wird und den BVCS gegründet hat.

Warum gründet ein Vorstandsmitglied eines Coworking-Verbandes einen weiteren Coworking-Verband? Die Gründe sind unklar, lassen sich aber bei den wenigen, bekannten Informationen zum BVCS erahnen. Alle öffentlich als Verbandsmitglieder erkennbaren Personen sind Angestellte der Cowork AG, deren Geschäftsführer Tobias Kollewe ist.

BVCS = Cowork AG

Auf der BVCS-Webseite steht Tobias Kollewe als Präsident und Vorstandsvorsitzender – auch Gründer und Vorstand der Cowork AG. Und Axel Minten, als Vizepräsident und Vorstand – auch Wissenschaftlicher Leiter Coworking der Cowork AG. Sowie Dilruba Aydingünes, Referentin für Mitglieder und Kommunikation – auch Coworking Managerin der Cowork AG.

Im Footer der BVCS-Webseite gibt es einen Link zum Blog „COWORKINGMAG“, dem laut eigenen Angaben Magazin des BVCS. Nahezu alle Artikel sind von Isabel Grevenstein geschrieben, die als Redakteurin für das Magazin tätig und Trainee Public Relations bei der Cowork AG ist. Jede Spur vom BVCS führt immer wieder zur Cowork AG, Kollewes Firma.

Ein Beratung zum Thema Coworking verkaufendes Unternehmen, dass vor weniger als zwei Jahren aus der umbenannten Unternehmensberatung cnslt.io entstanden ist, betreibt einen vermeintlichen Branchenverband und ein selbsternanntes Branchenmagazin. Allerdings ohne engagierte Mitglieder der Branche, sondern nur mit eigenen Angestellten.

Gefährlicher Fake

Diese Verlogenheit kann keinen Erfolg haben. Sie könnte einem auch egal sein, wenn nicht Medien unkritisch die ihnen nicht bekannte Markterhebung zitieren würden (bis jetzt u.a. t3n und die Stuttgarter Nachrichten). Oder sich der Landkreis Wolfenbüttel inzwischen vom BVCS bzw. der Cowork AG beraten lassen würden. Dies wird der Coworking-Szene schaden.

Der Bundesverband Coworking Spaces Deutschland e.V. ist ein Fake-Verband und verbreitet scheinbar Fake-News, um sich zu profilieren. Als Mitgründer der German Coworking Federation (GCF), einem Verband von ehrenamtlichen Coworking-Enthusiasten und Coworking Spaces, ist mir das zutiefst zuwider. Ich kann so etwas nicht nachvollziehen.

Vielleicht weil ich gerade über Coworking in Kirchen gebloggt habe, ein biblischer Schlussgedanke: „An ihren Taten sollt ihr sie erkennen!“ Die GCF organisiert jedes Jahr die COWORK, eine Konferenz mit BarCamp zum Thema Coworking. Dort wird Wissen offen miteinander und sich gegenseitig helfend geteilt, nicht verkauft. Was tut der BVCS für Coworking?

Bild von Tobias Kremkau.

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Ohne Startups, keine Coworking Spaces

Laut um Hilfe zu rufen liegt vermutlich nicht in der Natur unserer Community bzw. wir sind einfach auch noch viel zu klein, um richtig laut um Hilfe zu rufen. Nichtsdestotrotz hat die German Coworking Federation (GCF), quasi der Bundesverband Coworking Deutschland (klingt nur eben nicht so cool wie GCF), aufgrund der Corona-Pandemie viel zu tun.

Die Coworking-Szene
ist angeschlagen.

Die GCF organisiert Corona-Calls für die Betreiber*innen von Coworking Spaces, in denen man sich untereinander über gemachte Erfahrungen, sinnvolle Maßnahmen und vielversprechende Lösungsansätze austauscht. Und sich auch einfach einmal Mut zuspricht. Es wird auch an einem Papier für ein Recht auf mobiles Arbeiten mitgeschrieben (stay tuned).

Seit Anfang März sind die Einnahmen durch Buchungen von Besprechungsräumen und Veranstaltungsflächen weggebrochen. Laut der Global Coworking Survey von 2018 von Deskmag machen diese Einnahmen in Deutschland im Schnitt 20 Prozent des Umsatzes aus. Dies kann von Space zu Space verschieden sein und auch höher ausfallen.

Seit Jahren nimmt der der Flächenanteil für Meetings und Events an den größer werdenden Coworking Spaces zugunsten der Büros ab. Die Teams sind bisher in den Coworking Spaces geblieben. Vereinzelt hat man von Kündigungen gehört, aber so auch von neuen Mitgliedern. Womöglich hält sich das Verhältnis im Gleichgewicht oder ist sogar etwas positiv.

Ohne Startups, keine Coworking Spaces.

Ein aktueller Report, den der Bundesverband Deutsche Startups, Berlin Partner und PWC gemeinsam veröffentlicht haben, zeigt aber auf, dass sich rund 78 Prozent der Startups durch Corona „beeinträchtigt und existenziell bedroht“ sehen. Dies sind Zahlen aus Berlin, sie werden aber in Hamburg, dem Rhein-Ruhr-Gebiet und München ähnlich hoch ausfallen.

Und darin liegt die erst noch auf die deutsche Coworking-Szene zukommende Gefahr. Büros, oft als Private Office bezeichnet, machten laut Deskmag im Jahr 2018 bereits 20 Prozent der Einnahme aus. Ein Jahr später waren es weltweit bereits 30 Prozent und auch in Deutschland steigt die Flächen für Private Offices und der damit generierte Umsatz an.

Das Buchungsgeschäft fährt bei einigen Coworking Spaces langsam wieder hoch, ist aber noch bei einem Bruchteil der Größe von vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie. Wenn jetzt noch einmal 20-30 Prozent des Umsatzes wegfallen, weil die Teams in den Private Offices zahlungsunfähig sind und ihre Mitgliedschaften beenden müssen, geht es um die Existenz.

Wird die Politik helfen?

Bisher hat kein Coworking Space Entwarnung gegeben, auch wenn die meisten inzwischen glauben, dass sie mit einem blauen Auge und ein paar Schrammen durch die Krise kommen könnten. Eine zweite Krise, die der Startups und der KMUs, wäre aber für die Coworking Spaces in Deutschland tödlich. Ich bin mir unsicher, ob Peter Altmaier das weiß.

Photo by Mariano Mollo on Unsplash.