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Coworking

Ungenutztes Potential: Coworking in Kirchen

Durch Zufall bin ich auf eine Veranstaltung zum Thema Coworking und Kirche gestoßen. Das Thema beschäftigt mich schon länger, denn ich sehe in kirchlichen Immobilien, gerade im ländlichen Raum, eine Möglichkeit, um regionale Coworking Spaces auf dem Land zu schaffen. Doch auch in der Stadt macht die Verbindung Sinn, wie ich in diesem Beitrag erkläre.

Im Herbst 2014 schrieb ein unbekannter Autor – laut Seitenquelltext war es Stefan Lesting, ein Blogger und Experte zu den Themen Kirche und Web 2.0 – auf dem Blog frischfischen.de:

 „Für Kirche wäre es in meinen Augen auch denkbar und sogleich innovativ ihre Standorte teilweise zu Coworking Spaces für die kirchlichen Mitarbeiter umzubauen. (…) Ich fände es spannend den Schritt in Richtung Katholischer Coworking Spaces zu gehen und mir bei Bedarf unkompliziert mit Hilfe z.B. einer App den nächsten Schreibtisch unterwegs zu buchen.

Stefan Liesig auf frischfischen.de.

Zwei Sachen sind daran faszinierend. Zum einen schreibt ein szenefremder Autor den Begriff „Coworking“ richtig, ohne den trennenden Bindestrich. Zum anderen äußert er den Gedanken, die dezentralen Möglichkeiten durch die Nutzung von Coworking Spaces auf eine Organisation wie die Katholische Kirche in Deutschland zu übertragen. Fünfeinhalb Jahre und eine globale Pandemie später, sind einige Unternehmen erst soweit.

Im letzten und auch in diesem Jahr schrieben mich zwei Berliner Freikirchen an, die sich mit der Frage beschäftigten, ob Coworking ein Betätigungsfeld für sie als Kirche sein könnte. Es ging ihnen darum, freiwerdende Flächen effizienter zu nutzen und zugleich ein zeitgemäßes Angebot für die Menschen ihrer Gemeinde zu schaffen. Der Gedanke, Coworking und Kirche miteinander zu verbinden, ist also sehr aktuell und beschäftigt Menschen.

Bald werden wir auch in Deutschland das erste Coworking Space in einer Kirche sehen. Momentan gibt es hierzulande noch kein Beispiel für ein kirchliches Coworking-Projekt. Mit Ausnahme profanierter Kirchen, die also entweiht und nicht mehr für Gottesdienste genutzt werden, wie die ehemalige St. Elisabeth-Kirche in Aachen. Sie ist heute Sitz des Digitalisierung-Vereins digitalHUB, der dort ein eigenes Coworking Space betreibt.

Kirchen und Synagogen in den USA sind weiter

Anders in den USA: Die Synagoge in Flatbush, einem Stadtteil im New Yorker Bezirk Brooklyn, bietet Arbeitsräume an, die man halb- oder ganztags buchen kann. Ebenfalls in Brooklyn steht die als Café und Coworking Space fungierende St. Lydia-Kirche (Pauline Roussel hat sie auf Coworkies.com porträtiert). In Los Angeles gibt es das Epiphany Space, in Chicago das jüdische SketchPad und in Manassas bietet die Haymarket Church Coworking an.

In Dallas gibt es das Coworking Space SyncLife in der Central Christian Church, gegründet von Daryn DeZengotita. Sie ist auch Gründerin von Table Coworking und aktiviert tagsüber ungenutzte Räume als temporäre Coworking Spaces. Bevor sie mit SyncLife ein kirchliches Coworking Space startete, hatte sie bereits eines in der Vereinigte Methodistenkirche White Hall im Osten von Dallas gegründet. Cat Johnson interviewte sie 2018 für Allwork.Space.

In Österreich gründete 2018 das Referat Stadtpastoral der Erzdiözese Salzburg das Coworking Space Mirabell 5, mit dem Ziel, lokalen Sozialunternehmer*innen, die aktiv Lösungen für gesellschaftliche Herausforderungen wie Armut, Diskriminierung oder Umweltverschmutzung entwickeln, einen Ort zu geben. Ein Jahr zuvor startete das Coworking Space Blau10 der reformierten Landeskirche in der Zürcher Altstadt, ebenfalls mit dem Fokus auf lokale Sozialunternehmer*innen.

In Deutschland scheint der Kirchliche Dienst in der Arbeitswelt (KDA) der Evangelisch-Lutherischen Kirchen in Norddeutschland (Nordkirche) intensiv über Coworking in Kirchen nachzudenken. 2019 besuchten Kirchenvertreter*innen aus Schleswig-Holstein das Cobass in Preetz, den temporären CoWorkLand-Standort in Husum und das Alter Heuboden in Felde. Dabei entstand auch dieser Film für die 5. Landkirchenkonferenz der Nordkirche im vergangenen Jahr:

Wer wirft hierzulande den ersten Stein?

Es gibt viele Gründe, die für von der Kirche betriebene Coworking Spaces oder Kooperationen zwischen Coworking Spaces und Kirchen sprechen. Kirchen könnten ungenutzte Räume wieder zum Leben erwecken und einen in der Wahrnehmung mit ihnen verbundenen Ort schaffen, an dem Menschen zusammenkommen. Sie würden mit einem ebenfalls auf Gemeinschaft, Solidarität und Offenheit setzendes Konzept eine zeitgemäße Interpretation von Kirche aufzeigen können.

Für Coworking Spaces, vor allem in der Stadt, ergeben sich neue Möglichkeit zu gründen oder zu wachsen. Statt in gerade noch bezahlbare Standorte, in inzwischen oft abgelegenen Teilen der Stadt, ziehen zu müssen, da man sich nichts anderes mehr leisten kann, hätte man Zugang zu sehr zentralen Orten der Nachbarschaft, die meist um Kirchen herum geplant wurden. Durch eine Kooperation ließe sich Geld sparen, gerade zu Beginn des Coworking Spaces.

Im ländlichen Raum hat die Kirche ebenfalls viel Leerstand, vermutlich noch mehr als in der Stadt. Neben Kirchen bieten sich auch Pfarrhäuser mit den Gemeindesälen als Coworking Spaces an. Mein Großvater war Pfarrer und der Gemeindesaal im Pfarrhaus in meiner Erinnerung immer offen für die Menschen, die ihn nutzen wollten. Diesen Ansatz von Offenheit und Vertrauen in die Gemeinde kenne ich heutzutage nur von Coworking Spaces.

Für die Menschen, die in den Coworking Spaces arbeiten könnten, würde sich ebenfalls viel verbessern. Egal ob auf dem Land oder in der Stadt, sie hätten einen kürzeren Weg zu ihrem Arbeitsplatz. Dies bedeutet weniger Stress, ein gesünderes Leben, weniger Verkehr und weniger CO2-Emissionen, sowie mehr Zeit für Familie und Freunde. Sie wären auch stärker in ihrer Nachbarschaft eingebunden, was der Zivilgesellschaft vor Ort hilft.

Wer wirft also den ersten Stein?

One more thing…

Am 8. Juli 2020 diskutiert die Evangelisch-lutherische Landeskirche Hannovers das Thema Kirche und Coworking im ländlichen Raum auf Zoom. Mit Hans-Albrecht Wiehler von CoWorkLand, der Pastorin Ricarda Rabe und dem Pastor Matthias Jung. Hier geht es zur Anmeldung. Viel Spaß.

Photo by Thomas Vitali from Pexels.

Von Tobias Kremkau

Tobias Kremkau ist Head of Coworking des St. Oberholz und einer der Mitgründer*innen der German Coworking Federation (GCF), in der er sich seit 2015 ehrenamtlich engagiert.